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Ende 2009 wird die Kreuzfahrt-Touristik eine neue Dimension erreichen: Dann will die Royal Caribbean International (RCI) mit der “Oasis of the Seas” ein 360 Meter langes Schiff in den Dienst stellen, das Platz für 5.400 Urlauber hat. Eine Kleinstadt auf hoher See: Soviel Einwohner haben Städte wie Kusel an der Mosel oder St. Moritz.
Mal abgesehen davon, dass schon jetzt eine Überkapazität an Hotelbetten auf den Meeren schwimmt, die bald zur Vermarktung zu Schleuderpreisen führen wird, gibt diese Gigantomanie Anlass zu anderen Überlegungen, über die eher nicht gesprochen wird.
Erster Aspekt: 5.400 Urlauber verbrauchen Bettwäsche und Handtücher, die (an Bord!) gewaschen werden. Und Sie erzeugen nicht geringe Mengen an Fäkalien und Brauchwasser. Während einer Kreuzfahrt von sieben bis zehn Tagen auf einem Schiff bisheriger Größe (!) entstehen ca. vier Millionen Liter Abwasser von Duschen, Ausgüssen und der Bordküche. Dazu kommen die Abwässer von Toiletten von 30.000 bis 80.000 Liter pro Tag. Des Weiteren verursacht ein Passagier pro Tag durchschnittlich etwa zwei Pfund brennbarer Abfälle, ein Pfund Essensreste sowie zwei Pfund Glas und Büchsen. Und allein in der Ostsee verkehren nach Angabe der schwedischen Sektion des WWF (World Wide Fund For Nature) jährlich 250 bis 300 Kreuzfahrtschiffe. Sie allein (!) produzieren 1,6 Milliarden Liter Schmutzwasser mit 113 Tonnen Stickstoff und 38 Tonnen Phosphor ins Meer. Wie wird dieses Schmutzwasser entsorgt?
Nach Angabe der schwedischen Sektion des WWF (World Wide Fund For Nature) lassen die meisten der in der Ostsee verkehrenden Schiffe ihre Abwässer nicht in die dafür vorgesehenen Anlagen in Häfen wie Stockholm oder Helsinki ab, sondern direkt in die als besonders belastet geltende Ostsee. Das ist offensichtlich außerhalb der Zwölf-Meilenzone zulässig. Die Leerung der Abwassertanks in den Häfen oder die Investition in Reinigungsanlagen an Bord sei zu zeitaufwendig und kompliziert, so rechtfertigt der Branchenverband CLIA das Treiben auf hoher See. Die Kostenersparnis wird verschwiegen. Der Betreiber des Kieler Hafens hat mitgeteilt, dass am Kreuzfahrtterminal in Kiel zwei Liegeplätze mit Abwasser-Entsorgung eingerichtet seien. Dennoch hätte 2007 keines der 114 anlegenden Schiffe davon Gebrauch gemacht. Immerhin: Die beiden deutschen Kreuzfahrt-Reedereien Aida Cruises und Deilmann sowie die norwegischen Hurtigruten erklärten sich 2007 in einer freiwilligen Selbstverpflichtung bereit, auf die Verklappung unzureichend geklärter Abwässer zu verzichten. Sie haben wohl Kläranlagen an Bord und versuchen so weit wie möglich, Transport- und Verpackungsmaterialien dem Lieferanten gleich wieder mitzugeben. Lobenswert! Doch betreiben sie nicht die größten Schiffe.
Zweiter Aspekt: Die Reedereien betonen auffallend gerne die große Vielfalt von Freizeitangeboten an Bord ihrer Jumbo-Schiffe. Reisende könnten mehr als eine Woche an Bord verbringen, ohne alle Einrichtungen kennengelernt zu haben. Was will uns das sagen? Ist das die versteckte Aufforderung, eigentlich nichts anderes zu wollen, als den ganzen Urlaub an Bord zu bleiben?
Das liegt nahe. Denn was nicht so gerne und schon gar nicht laut gesagt wird, ist: Die großen Schiffe werden zunehmend Probleme haben, die bei Passagieren beliebten Häfen anzulaufen. Entweder weil diese bald zu voll sind oder weil die Hafenbecken nicht tief genug sind. So werden die Riesenschiffe zunehmend draußen auf Reede liegen müssen. Damit aber entsteht ein erhebliches Problem, denn so viele Gäste mit Tendern an Land und später wieder aufs Schiff zu bringen, ist eine logistische Herausforderung, die zudem viel Zeit kostet.
Damit sinkt die Zahl der Reiseziele, die von den Riesenschiffen angesteuert werden. Also liegt es nahe, dass “Hohe Lied” über die Kreuzfahrt ohne Landgang anzustimmen. Einfach raus auf das Meer soll genügen: Das Schiff ist die Destination.
Dass das von Reisenden – Bildungsreisende ausgenommen – angenommen werden wird, ist auch nicht so unwahrscheinlich. Warum sollen Reisende, denen Poolanlagen genügen und die bislang schon ihre Club- oder Hotelanlage nicht verlassen haben, das Schiff verlassen wollen und sich nicht schon allein darüber freuen, dass das Schiff fährt. Auf dem Meer ist auf dem Meer, wo das stattfindet, ist da egal, selbst wenn das Schiff nur kleine Schleifen oder gar im Kreis fährt. Wenn das aber den Reisenden genügt, stellt sich allerdings die ketzerische Frage, warum das Schiff überhaupt noch aus dem Hafen herausfährt. Hotelschiffe tun das auch nicht.