Es ist wieder mal Weihnachten. Und alle Jahre wieder stöhnt jeder über den Trubel und Stress, dass ihm das Fest der "Liebe" macht. Doch das Fest macht keinen Trubel, den
macht allein der Mensch. Ebenso wie den Stress. Er ist nicht - wie oft behauptet - vorprogrammiert. Stress hat allein derjenige, der dem Konsumrausch nicht widerstehen
kann und sich mit anderen zeitgleich in den Einkaufstrubel stürzt und dann auch noch das Geschenkt auf den letzten Drücker kauft.
Um die Hektik hinter sich zu lassen, flüchten zur Freude der Tourismusindustrie auch in diesem Jahr wieder - Krise hin oder her - Menschen in den Urlaub, um den Stress zu
entfliehen und entspannt auf dem Badehandtuch in der ägyptischen Sonne zu liegen oder auf Skiern durch die immer weniger (echt) verschneiten Alpen zu rutschen.
Die Flucht um Weihnachten in den Urlaub ist m.E. ein frommer Selbstbetrug. Wer in den Süden flieht, macht sich nämlich meist ebenfalls Stress - nur eben Urlaubsstress. Da
muss die Reise gebucht werden, was Zweit kostet und weder für den Körper noch den Geldbeutel erholsam ist, wenn plötzlich alle in einem kleinen Zeitfenster zu einigen
wenigen Zielen vereisen wollen. Ein kleiner Tannenbaum muss auch besorgt und noch verpackt werden sowie ein paar Geschenke, denn ganz vergessen will (und kann) man
Weihnachten dann auch in Gran Canaria oder Phuket nicht. Sie glauben das nicht? Ich schon. Schließlich habe ich während meiner Zeit bei Aero Lloyd jedes Jahr Berge von
kleinen Tannenbäumen als Reisegepäck vor jedem Urlaubsflugzeug gesehen.
Andere machen sich dadurch Stress, dass sie Weihnachten eine Woche vor dem Abflug "vorfeiern"... Und dann stehen die Weihnachtsflüchtlinge einen oder zwei Tage vor dem
Fest wie in der Hochsaison in langen Schlangen vor den Abfertigungsschaltern, im ungünstigsten Fall noch von Verspätungen betroffen, weil Piloten oder Fluglotsen einfällt,
dass sie just nun streiken müssen. Und wer nicht fliegt, steht in kilometerlangen Blechlawinen und schleicht sich dem Urlaubsziel entgegen, hoffend und bangend, an möge
diese noch vor dem "heiligen Abend" noch erreichen...
Und es wird auch verdrängt, dass der Urlaub selbst gelegentlich auch Stress und Ärger mit sich bringen kann. Jeder Reiserechtler kennt die Stichworte: Flugverspätung,
Überbuchung von Flügen und Hotels, Ersatz-Unterkunft, Zimmer ohne Meerblick, Lärm etc. Das ist ja nichts anderes als beim Urlaub im restlichen Jahr. Und an vielen
Urlaubsorten ist der Trubel und Stress größer als der zuhause, vor dem man glaubte fliehen zu müssen.
Flucht in die Sonne - ist die "stille" Zeit so unerträglich geworden? Ich meine nein. Man kann Weihnachten durchaus auch zuhause und dort ganz entspannt feiern. Früher
hat man mal von der Zeit für "Besinnung" gesprochen. Aber der moderne Mensch kennt offensichtlich dieses Wort kaum noch und seinen Wortsinn schon gar nicht mehr. Das
Zusammentreffen mit der Familie, aber auch mit Freunden und Bekannten (für die man in der Hektik des beruflichen wie privaten Alltags ohnehin viel zu wenig Zeit hat) wird
aber durch die Abwesenheit während des Urlaubs nicht gefördert. Im Gegenteil: Man flüchtet letztlich auch vor ihnen. Dabei sind es gerade Familie und Freunde, die einen
auffangen, wenn es einem nicht gut geht.
Der Mensch sollte auf Reisen gehen, ja! Aber auf eine Reise zu sich selbst, um sich selbst zu entdecken, zu überprüfen, nach innen zu gehen. Das war einmal neben den rein
religiösen Gründen Sinn des Weihnachtfestes. Es sollten Feiertage, keine Fluchttage sein.
"Bevor wir die Reise um die Welt beginnen, sollten wir die Reise um uns selbst beendigen", wusste schon Denis Diderot (1713-1784). So eine Reise ist garantiert
reisemangelfrei und von ihr kommt man erholter zurück als von den meisten anderen Reisen nach Mallorca, Kenia oder Südafrika. Wer auf der Flucht ist, findet keine Ruhe.